Sie sparen zwar viel, aber nicht richtig – wie Deutsche Milliarden verlieren

Sie sparen zwar viel, aber nicht richtig – wie Deutsche Milliarden verlieren

Im Jahr 2020 ist das Geldvermögen der Deutschen weiter deutlich gewachsen, wenn auch kaum durch Zinserträge, sondern vor allem durch reinen Sparfleiß. Gleichzeitig untergräbt die Inflation zunehmend die Kaufkraft der Ersparnisse. Denjenigen, die weiterhin an verzinslichen Einlagen festhalten, droht ein drastischer Vermögensverlust.

Die Inflation ist tückisch, denn sie wirkt heimtückisch, und es ist für die Menschen nur allzu leicht, eine geringfügige Abwertung zu ignorieren. Nach der sogenannten „Geldillusion“ denken wir primär in nominalen Einheiten. 100 Euro sind 100 Euro, aber wir irren uns, wenn wir glauben, dass 100 Euro in diesem Jahr noch genauso viel wert sind wie im letzten Jahr.

Umso wichtiger ist es, eine reale Erhöhung der Ersparnisse oder zumindest eine reale Erhaltung der Kaufkraft anzustreben. Mit festverzinslichen Anlagen wie Sparbüchern oder Tagesgeldkonten ist dies kaum zu erreichen. Dennoch halten viele Deutsche weiterhin an diesen Anlageformen fest, wie eine neue Studie der Philipps-Universität Marburg im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment einmal mehr zeigt.

Es ist richtig, dass die Deutschen während der Pandemie mehr denn je gerettet haben, in einigen Fällen sogar zwangsläufig. Damit steigt das Geldvermögen der Deutschen von 6,5 Billionen Euro im Jahr 2019 auf 7 Billionen Euro im Jahr 2020. Allerdings bevorzugen die Deutschen nach wie vor Bargeld und Sichteinlagen. Laut der Studie wächst der Anteil von Giro- und Sichtguthaben (Sichteinlagen) allein von 2019 bis 2020 um 229 Milliarden Euro. Zusammen machen Bargeld und Sichteinlagen mit zwei Billionen Euro, 28,7 %, fast ein Drittel des gesamten Geldvermögens aus.

Professor warnt vor einem Wohlstandsverlust, „den viele noch nicht erlebt haben“

Leider lohnt sich diese Form des Sparens nicht mehr. Tatsächlich war die reale Rendite – der Zinssatz abzüglich der Inflation – auf Sichteinlagen in den letzten zwanzig Jahren fast ausschließlich negativ. Darauf wird auch in Studien des Vermögensverwalters Quant Capital immer wieder hingewiesen. Bereits im Juni wies Quant Capital darauf hin, dass der reale Zinssatz für Sichteinlagen mit 2,4 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit der Ölkrise von 1973 „eine neue Qualität“ erreicht habe.

Den Sparern drohen nun hohe Verluste. „Sparer, deren Anlagen stark von den Zinsen abhängen, stehen vor einem realen Vermögensverlust, den viele noch nie erlebt haben“, sagt der Autor der Studie, Oscar Stolper, Professor für Behavioral Finance an der Philipps-Universität Marburg. Zwischen 2017 und 2020 haben die Sparer mit Sichteinlagen bereits rund 79 Milliarden Euro an Kaufkraft verloren.

Jetzt, mit dem deutlichen Anstieg der Inflation, könnte die Abwertung ein neues Niveau erreichen. Ein hypothetisches Beispiel: Ein Sparer mit 10.000 Euro verliert in zehn Jahren bei null Prozent Zinsen und zwei Prozent Inflation, dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB), gut 1.800 Euro an Kaufkraft. Real wird sich Ihr Vermögen um ein Sechstel reduziert haben.

Eine längere Transformationsphase ist nicht ausgeschlossen. Die derzeitige hohe Inflation von 2,3 % in diesem Land ist zum Teil auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen, wie die starke Verzerrung des Preisniveaus vor einem Jahr. Einige Faktoren sprechen jedoch langfristig für höhere Sätze, zum Beispiel Klimaschutzabgaben wie die neue CO2-Bepreisung.

Ohne den Eifer der Sparer würde das Vermögen kaum wachsen

Andererseits gibt es auch bei niedriger Inflation einen Kaufkraftverlust, solange die Zinsen niedrig bleiben. Inzwischen ist der große Sparer auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Vermögen der Deutschen weiter wächst. Der Einkommensanteil lag 2020 bei 19 %, fünf Prozentpunkte weniger Wachstum als im Vorjahr, so die Studie.

Mit anderen Worten: 81 % des Vermögenszuwachses beruhen allein auf Ersparnissen. Dies war nicht immer der Fall. Bereits im Jahr 2011 wurden 87 % des Wachstums durch Einnahmen erzielt. Bei zinstragenden Produkten machen die Erträge allein nur ein Prozent aus – 2011 wuchsen aber noch 47 Prozent dieses Vermögensanteils aus Erträgen.

Würden die Deutschen nicht so fleißig sparen, würde ihr Vermögen kaum wachsen. „Die Deutschen sparen immer noch viel, aber ineffizient“, sagt Giovanni Gay, Vorstandsvorsitzender von Union Investment. Angesichts der niedrigen Zinssätze würden höhere Sparzinsen nicht unbedingt zu höheren Renditen führen. Gay fordert die Sparer auf, „effizienter und renditestärker“ zu investieren, damit ihre Bemühungen belohnt werden.

Zumindest, so Studienautor Stolper, gibt es bereits Bewegung in die richtige Richtung. So stieg der Anteil der Aktienanlagen am Vermögen um 0,7 Prozentpunkte auf 11,6 % im Jahr 2020, was auf den ersten Blick nicht nach viel klingt, aber dennoch bedeutet, dass der Anteil den höchsten Wert seit 2008 erreicht hat. Gleichzeitig zeigt diese Zahl, dass einem großen Teil der deutschen Bevölkerung immer noch das Vertrauen in Aktien fehlt, trotz des vermeintlichen Aufstiegs der Kleinanleger und der wachsenden Beliebtheit sogenannter Neobroker, wie Trade Republic oder Scalable.

„Wir stellen fest, dass sich der Trend zur Entwicklung des Sparens bei einer wachsenden Zahl von Anlegern durchsetzt. Es ist aber auch klar, dass ein großer Teil der Bevölkerung Unterstützung braucht, um nicht unter Wert zu sparen“, sagt der Generaldirektor der Union Gay und fügt hinzu: „Sparen bedeutet Konsumverzicht und ist eine Anstrengung für jeden. Die Menschen sollten für diese Anstrengung nicht durch einen Kaufkraftverlust bestraft, sondern durch die Anhäufung von echtem Wohlstand belohnt werden“.

Aktien oder Sparbuch sind keine „Entweder Oder Option“

Die Krux an der Sache ist, dass die „Bestrafung“ der Sparer durch Nullzinsen wohl weitergehen wird. Die neue Strategie der EZB sieht ein symmetrisches und mittleres Inflationsziel vor, so dass die Inflation zwangsläufig länger hoch bleiben muss, bevor die Zinsen angehoben werden.

Sparer, die bisher an zinstragenden Einlagen festgehalten haben, sollten daher die Anlage in Fonds oder Aktien überdenken. Schließlich ist es keine „Entweder-Oder“-Entscheidung: Ein Teil dessen, was monatlich noch auf dem Sparkonto landet, könnte zum Beispiel in einen ETF-Sparplan investiert werden.

Natürlich bergen diese Alternativen, zu denen auch höherverzinsliche Anleihen gehören, ihre eigenen Risiken. Die Studie zeigt aber auch, dass die beliebten Spareinlagen nur vermeintliche Sicherheit bieten. Auch wenn der Betrag auf dem Konto nominell nicht gesunken ist, haben die Deutschen bereits Milliarden an Kaufkraft verloren.

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