Verleitet der Zahlungsanbieter Klarna zur Verschuldung?

Verleitet der Zahlungsanbieter Klarna zur Verschuldung?

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Verleitet der Zahlungsanbieter Klarna zur Verschuldung?

Shoppe jetzt. Bezahle später. Klarna, der bekannte schwedische Zahlungsdienstleister für’s Online-Shopping, bietet nicht nur Bezahloptionen an, sondern animiert selbst zum Einkaufen – alles bequem via Ratenzahlung. Verleitet das Unternehmen damit zur Verschuldung?

Klarna bietet Online-Shopping auf Raten an. Verleitet der Zahlungsdienstleister zur Verschuldung?
Klarna wirbt mit Pastellfarben und spricht vor allem eine junge Zielgruppe an. (c) Screenshot Klarna Website

Das Marketing von Klarna funktioniert

Andere Clips von Klarna werben mit ähnlichen bekannten Gesichtern wie Lady Gaga oder Riccardo Simonetti. Die Botschaft an die Kunden ist: Kauf jetzt, Sorgen um die Zahlung brauchst du dir jetzt nicht machen. Alles cool, alles smooth. Die Werbeclips richten sich insbesondere an junge Personen mit einem Hang zum Online-Shopping.

Aber alles der Reihe nach…

Wie funktioniert Klarna eigentlich?

  • Klarna ist weit verbreitet und bietet mittlerweile in mehr als 250.000 Online-Shops weltweit seine Check-out-Funktion an. Manche Online-Shops setzen beim Kauf auf Rechnung inzwischen nur noch auf Klarna.
  • Das Unternehmen nimmt eine Schnittstellenfunktion zwischen Käufer und Verkäufer ein und will so den Bezahlvorgang sicherer für den Verkäufer und einfacher für den Käufer gestalten. Für dich bedeutet das zum Beispiel, dass du deine Rechnung von Klarna erhältst – und nicht eine Rechnung des Online-Shops, bei dem du bestellt hast.
  • Der Vorteil: Du musst nicht mehr deine Bankverbindung oder deine Kreditkartennummer in tausenden verschiedenen Online-Shops angeben. Es reichen stattdessen dein Name, deine E-Mail-Adresse und deine Anschrift für den Kauf eines Produkts. Dies erhöht die Sicherheit für deine Zahlungsdaten, da zum Beispiel bei Hackerangriffen (und die sind gar nicht so selten) auf einen Shop nicht deine kompletten Zahlungsdaten gestohlen werden können. Hier greift also das gleiche Prinzip wie bei PayPal.
  • Auf Verkäuferseite übernimmt Klarna die Forderungen von Onlineshops und wickelt die Zahlung ab. Das Unternehmen übernimmt also auch das Ausfallrisiko, wenn ein Kunde nicht zahlt und kümmert sich um Mahnungen. Onlineshops lagern diesen Aufwand also an Klarna aus. Im Gegenzug können sie sofort eine Bestätigung für den Kauf erstellen und die Ware verschicken.
  • Auf Kundenseite ist die Zahlung über Klarna tatsächlich bequemer als über einzelne Online-Shops. Denn der Prozess ist immer derselbe und es gibt mehrere Zahlungsarten (z.B. via Sofortüberweisung, per Rechnung nach Prüfung der Ware oder in Raten).

Achtung: Klarna ist mittlerweile auch dafür berüchtigt, dass die erste Mahnung inkl. Mahngebühr nicht lange auf sich warten lässt.

Ist Klarna sicher und seriös?

Klarna handelt es sich um ein 2005 gegründetes, schwedisches Unternehmen, das sich zunächst auf Zahlungsdienste für Online-Shops konzentriert hat. Inzwischen hat Klarna sein Geschäftsfeld erweitert und bietet eine Kreditkarte und Festgeld an. Die Konditionen dieser Angebote sind branchenüblich.

Klarna ist Mitglied des Einlagensicherungsfonds in Schweden und kann somit als “sichere Bank” gelten.

Klarna bietet auf ein Girokonto für Endkunden an.
Das Klarna Giro- und Festgeldkonto von Klarna bieten branchenübliche Konditionen – und darüber hinaus eine gute Benutzerfreundlichkeit (c) Screenshot Klarna Blog.

Weniger Zahlungsdienstleister, eher Dealplattform

Aus Sicht seiner Endkunden ist Klarna weniger Zahlungsdienstleister als Deal-Plattform. Sei es im Browser oder in der App – permanent prasseln Deals und Werbeanzeigen auf dich ein.

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Der eigentliche Zahlungsdienstleister für Online-Shops, der an seine Endkunden Ratenzahlungen anbietet und Mahnungen verschickt, liefert das Shopping-Erlebnis gleich mit: Du kannst zum Beispiel Wunschlisten erstellen und es gibt einen Sale-Alert, falls dein gewünschtes Produkt mal reduziert angeboten wird.

Klarna Apps Zahlungsdienstleister
Die Klarna App sieht für Endkunden weniger wie ein Zahlungsdienstleister aus, sondern eher wie ein Online-Shop (c) Presskit Klarna

Kritik an Klarna von Verbraucherschützern

Diese Kombination aus Zahlungsdienstleister und Deal-Plattform steht bei Verbraucherschützern in Hamburg in der Kritik.

Der Klarna-Rechnungskauf sei genau das Gegenteil von einem Kauf auf Rechnung, nämlich eine Art Vorkasse: Liefere der Händler das bestellte Produkt nicht, verlange Klarna in vielen Fällen dennoch das Geld.

In zahlreichen Erfahrungsberichten ist auch von verfrüht verschickten Mahnschreiben und der schnellen Weitergabe von Forderungen an Inkassounternehmen die Rede.

In einem Artikel in der ZEIT kritisiert Kerstin Föller vom Hamburger Verbraucherschutz außerdem:

Klarna macht es nicht leichter, den Überblick über seine Finanzen zu behalten

Bei Ihrer Schuldnerberatung seien Einkäufe mit Klarna häufig ein Thema. “Klarna ist sicherlich attraktiv für Menschen, die gerade kein Geld haben und trotzdem einkaufen wollen.” Insbesondere vor der Option der Ratenzahlung warnt die Verbraucherschützerin.

Die Verbraucherzentrale Bremen warnt außerdem vor dem Jahreszins der Ratenzahlung bei Klarna. Mit einem effektiven Jahreszins von 9,99 Prozent ist der schwedische Zahlungsdienstleister in der aktuellen Niedrigzinspolitik sehr teuer.

Erleichtern Finanzprodukte von Klarna also die Verschuldung?

Fast jeder zehnte junge Mensch in Deutschland unter 30 ist überschuldet. Über alle Altersgruppen hinweg sind sogar mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland verschuldet.

Die einfach zugänglichen “Pay later”-Optionen von Klarna kann dabei tatsächlich zur potenziellen Schuldenfalle werden. Laut statischem Bundesamt ist eine unverantwortliche Haushaltsführung der Grund bei fast 14 Prozent der überschuldeten Deutschen für übermäßige Schulden. 

Josefine Lietzau, eine Expertin für Banken und Kredite bei Finanztip.de gibt in diesem ZEIT-Artikel zu bedenken:

Je selbstverständlicher das Modell der Ratenzahlung auf Shopping-Seiten als Möglichkeit auftaucht, desto mehr Menschen nutzen es auch. […] Wer gerne mal mehr shoppt als das Konto es zulässt, sollte die Finger von Klarna lassen – wie im übrigen auch vor sonstigen Dispo-Krediten. […] Es gibt Menschen, die dafür anfällig sind und dann schnell in die Falle rutschen.

Gamification von Finanzprodukten: Oder kann Klarna wirklich etwas dafür, dass sich Menschen überschulden?

Selbstverständlich ist Klarna per se nicht daran Schuld, dass Menschen unverantwortlich mit ihren Finanzen umgehen. Nichtsdestotrotz ist Klarna ein gutes Beispiel für die neusten Entwicklungen von Banken und Zahlungsdienstleistern in der Branche. Denn auch etablierte Banken, wie die ING mit Dealwise, starten vermehrt Deal-Plattformen und setzen auf die “Gamification” in ihrer Angebote. 

Die Gefahr: Ein nicht geringer Prozentsatz von Menschen lässt von der guten Benutzerfreundlichkeit solcher Apps und von den tatsächlich attraktiven Deals verleiten, über die eigenen Verhältnisse einzukaufen. Mit pastelligen Tönen und hohen Rabatten lassen sich auch die desaströsen Auswirkungen von Schulden auf das eigene Leben leicht ausblenden.

Vorreiter bei dieser Entwicklung sind insbesondere Neo-Broker wie Trade Republic oder Vivid Money. Was als Benutzerfreundlichkeit beworben wird, ist in erster Linie natürlich darauf ausgelegt, viele Interaktionen und damit mehr Profit für den Dienstleister zu generieren. 

  • Trade Republic lässt seine Kunden beispielsweise neben dem normalen Aktienkauf mit wenigen Klicks mehrfachgehebelte Zertifikate ordern. 
  • Vivid geht sogar noch einen Schritt weiter: Das Start-up hat das gesamte Einkaufsverhalten wie ein Spiel mit Leveln und Challenges konzipiert.
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Mit Kontenmodellen und automatisiertem Sparen Verschuldung vorbeugen  

Auch wenn einige Angebote wirklich attraktiv und verlockend sind, solltest du niemals den Überblick über deine Finanzen verlieren und dir eine klare Strategie zurecht legen. 

Insbesondere wenn du anfällig bist für Werbeversprechen oder dich von Rabatten leiten lässt, solltest du auf ein 2-Konten- oder Mehrkontenmodell setzen und dein Sparverhalten automatisieren. Fest definierte Budgettöpfe sind dabei enorm wichtig.

Hast du vorab einen bestimmten Betrag auf deinem “Spaß- oder Konsumkonto” angespart, ist es auch kein Problem dieses eine Konto zu plündern, sofern du mit deinen anderen Konten deine sonstigen Sparziele weiterverfolgst.

Du solltest niemals Schulden bei deiner alltäglichen Haushaltsführung machen und stets einen Notgroschen angespart haben.